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Eier haben!

Mein Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung.

Zur Genüge haben wir in den vergangenen Wochen und Tagen vom Schicksalsjahr 1938 gehört. Mache eine Gedankenpause und überlege, was du wirklich über diese Zeit aus dem Stegreif weißt. Diese Zwischenkriegszeit (1918 bis 1938) stellte die österreichische und die deutsche Bevölkerung vor große Probleme und es konnte keine Richtung gefunden werden, um aus diesem Dilemma heraus zu kommen. Welchen Ideologien bist du mit 21 Jahren gefolgt, solltest du schon so alt sein?

 

Jubelnde Massen in den 1930ern

Es geht immer darum, Perspektiven aufzuzeigen und Ziele zu verfolgen. Stillstand bedeutet Rückschritt (sagt man), also versuchen wir zu verbessern, was immer in unseren Möglichkeiten liegt.

Helmut Wobisch wurde 1938 der Titel „Kammermusiker“ verliehen. Er wurde 1912 in Wien geboren, studierte Philosophie und Chemie und besuchte die Wiener Musikakademie um akademischer Trompeter zu werden. 1936 wurde Helmut Wobisch Bühnenmusiker der Wiener Staatsoper und schließlich 1939 Mitglied des Vereins der Wiener Philharmoniker. Jetzt überlasse ich dir, weiter über Helmut Wobisch zu recherchieren.

 

Von mir erhälts du einen kurzen Überblick über seinen Lebensverlauf:

Ab 1933 war Wobisch illegales NSDAP-Mitglied (21-jährig, wohlgemerkt) und ab 1934 Mitglied der SS. Während der NS-Zeit war er Leiter der Bläserausbildung der Hitlerjugend. Helmut Wobisch war sehr gut mit Baldur von Schirach, dem Gauleiter von Wien, befreundet und die „Philharmonikerstraße“ hinter der Oper geht auf deren Initiative zurück. Anlass war das 100-jährige Bestandsjubiläum des Orchesters der Wiener Philharmoniker im Jahr 1942.

Schirach erhielt daraufhin den Ehrenring des Orchesters. Wobisch konnte mit Baldur von Schirach vereinbaren, dass Bühnenmusiker und Philharmoniker vom Kriegsdienst befreit wurden – und es wurde nicht nach Rasse und Herkunft unterschieden.

 

Nach dem Krieg:

Wobisch wurde aufgrund des Verbotsgesetzes aus dem Orchester der Staatsoper entlassen, Baldur von Schirach in den Nürnberger Prozessen verurteilt und im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis inhaftiert.
1950 wurde Helmut Wobisch wieder als Solotrompeter eingesetzt und war von 1954 (meinem Geburtsjahr) bis 1968 (Beginn der Mundstückerzeugung in Sommerein) Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker.

 

Prof. Helmut Wobisch

Ab 1953 hatte er einen Lehrauftrag an der Wiener Musikakademie, 1958 wurde ihm der Berufstitel „Professor“ verliehen. Das „Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“ erhielt Prof. Wobisch im Jahre 1967 und 1969 gründete er gemeinsam mit Jakob Stingl (Pfarrer der Stiftspfarre Ossiach) den „Carinthischen Sommer“, den er bis zu seinem Tod 1980 als Intendant leitete.

 

Affäre Schirach:

1966 wurde Baldur von Schirach 59-jährig aus dem Gefängnis entlassen. Ich würde die Beziehung zwischen Wobisch und Schirach als ehrenhafte Männerfreundschaft bezeichnen. Nicht verwunderlich, dass Schirach nach dessen Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis ein Duplikat des Ehrenringes von 1942 überbracht wurde. Es bleibt ungeklärt, ob die Übergabe eine Privatinitiative von HelmutWobisch oder diese auf einen diskreten Beschluss des Orchestervereins zurückzuführen ist. Historiker trugen Indizien zusammen, die stark auf Helmut Wobisch als Überbringer hinwiesen. Grund genug, dass sich die Betreiber des Carinthischen Sommers, die Stadt Villach und letztlich auch die Wiener Philharmoniker posthum von Prof. Helmut Wobisch lossagen (10.3.2013).

 

Baldur von Schirach

 

Anstatt Eier zu haben und zu sagen: Ja, er war ein Nazi, aber wir können vergeben, verzeihen, verstehen, wird wieder gebetsmühlenartig und fadenscheinig postuliert:

Wir haben nichts gewusst. Alle haben es gewusst und das schon seit Kriegsende!
Leonard Bernstein bezeichnete Prof. Helmut Wobisch als „my beloved Nazi“ und schätzte diesen über alles.

Leonard Bernstein

 

Ich schließe mich Leonard Bernstein an.

Bis bald, euer Karl Breslmair

 
 
 

Trumpet legends in action: Helmut Wobisch & Adolf Holler
Video #1

Video #2

Comment (1)

  • Hallo Karl!

    Spannender Beitrag! Musik spielte zu dieser Zeit sicher eine wichtige Rolle und brachte einige solcher Geschichten hervor. Vielleicht wurde sogar so die eine oder andere Untat verhindert…

    Die Wiener Philharmoniker versuchen derzeitig ebenso ihre Geschichte auzuarbeiten:
    Buchempfehlung von mir dazu: „Orchestrierte Vertreibung. Unerwünschte Wiener Philharmoniker – Verfolgung, Ermordung und Exil“

    Vienna_Trumpet
    Antworten

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